5 FRAGEN AN JÖRG FÖRSTER
ZUR PERSON
Jörg Förster verbindet wissenschaftliche, pädagogische und unternehmerische Erfahrung mit langjährigem Engagement im Sport. Nach seiner Ausbildung als Raumausstatter und Restaurateur und dem Studium für das Lehramt an Berufsschulen, war und ist er als Lehrer und Hochschul-Dozent, Referent und Geschäftsführer in Schulen, Sportorganisationen und universitären Einrichtungen tätig, veröffentlichte mehrere Fachbeiträge und verantwortete zahlreiche nationale und internationale Wettkampfveranstaltungen, Kongresse und Fachtagungen. Als Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Beiräte bringt er seine Expertise interdisziplinär und praxisorientiert ein. Einen großen Teil seiner Zeit widmete er dem Volleyballsport - als Trainer und in verschiedenen Organisationsfunktionen, unter anderem als ehemaliger Vizepräsident des Hamburger Volleyball-Verbands (HVBV), Mitgründer des VC Olympia Hamburg und des Fördervereins für den Olympiastützpunkt HH/SH. Er gehört zudem zu den Gründern von „sportainable”, der Denkfabrik für mehr Nachhaltigkeit im Sport
Der herausragende Meilenstein seines Mitwirkens im Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (adh) war die erfolgreiche Ausrichtung der Rhine-Ruhr 2025 FISU World University Games, die in diesem Sommer in fünf Städten Nordrhein-Westfalens und in Berlin stattfanden [1].
VERANSTALTUNG UND NACHHALTIGKEIT
Die Rhine-Ruhr 2025 FISU World University Games fanden vom 16. bis 27. Juli 2025 in der Metropolregion Rhein-Ruhr statt. Austragungsorte waren Bochum, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Mülheim an der Ruhr und Hagen, ergänzt durch einzelne Wettkämpfe in Berlin. Mit rund 9.200 Athletinnen und Athleten aus mehr als 150 Nationen traten in 18 Sportarten gegeneinander an. 1,2 Millionen Besucherinnen und Besucher verzeichnete die Veranstaltung und wird vom LSB in Nordrhein-Westfalen als größtes internationale Multisportevent für studentische Athleten 2025 benannt [2].
Das Konzept der Veranstaltung folgt dem Leitgedanken einer nachhaltigen, dezentralen Großsportveranstaltung. Weitere generelle und spezifische Auseinandersetzungen mit Nachhaltigkeit in Sportveranstaltungen können dem Interview entnommen werden.
DAS INTERVIEW
Welche ersten Schritte empfehlen Sie Veranstaltern, die gerade erst ins Thema Nachhaltigkeit einsteigen?
Bewusstseinsbildung und Zielsetzung: Ich empfehle Veranstaltern mit einer klaren Definition der nachhaltigen Ziele im Sinne der Legacy – Was soll hinterher anders sein? – zu beginnen. Es braucht ein Bewusstsein im Team und bei allen Stakeholdern, warum Überlegungen zu Fragen von Nachhaltigkeit wichtig sind und welchen Beitrag die Veranstaltung leisten kann. Den Orientierungsrahmen liefern die 17 UN Sustainable Development Goals.
Bestandsaufnahme und Analysieren: Der Status der Veranstaltungsplanung und Infrastruktur sollte bezüglich Umwelt, Soziales und Wirtschaftlichkeit betrachtet werden. Es gilt zu analysieren, wo Steuerungspotentiale bestehen und welche Ressourcen bereits nachhaltig genutzt werden.
Stakeholder Management: Eine Stakeholder Analyse hilft, zu klären, welchen Zugang die einzubindenden Akteure zum Thema Nachhaltigkeit haben und welchen Beitrag sie leisten können. Gebietskörperschaften, lokale Akteure, Behörden, Sponsoren und Partner sollten frühzeitig einbezogen werden.
Integration von Nachhaltigkeitskriterien in die Planung: Ökologische Aspekte wie Energienutzung, Abfallmanagement, nachhaltige Anreise und Ressourcenverbrauch sollten von Anfang an Planungsbestandteil sein. Leitfäden wie der DOSB-Leitfaden „Green Champions“, www.nachhaltige-sportveranstaltungen.de oder das ISO 20121-Managementsystem bieten Orientierung.
Informations- und Bildungsarbeit: Das eigene Team, Teilnehmende und Zuschauer*innen sollten im Rahmen der Veranstaltungskommunikation für das Thema sensibilisiert werden. Nachhaltiges Verhalten sollte angeregt werden, z.B. durch Recycling-Stationen, ÖPNV-Ticketkombination oder Wettbewerbe um nachhaltigste Anreise.
Beginnen mit Pilotprojekten: Der Einstieg sollte mit kleinen, machbaren Maßnahmen und Pilotprojekten gewählt werden, um Beteiligung und Kreativität zu fördern. Solche Erfolge motivieren und erleichtern weitere Schritte. Nachhaltigkeit sollte von Anfang an als Querschnittsthema betrachtet und mit personellen Ressourcen hinterlegt werden.
Welche Maßnahmen haben sich bei den Rhine-Ruhr 2025 FISU World University Games als besonders wirksam erwiesen, um nachhaltiger zu werden – und warum?
Die FISU World University Games waren die größte internationale Sportveranstaltung in Deutschland seit 1972 und sollten als Plattform für den Austausch von Sport, Kultur und Wissenschaft dienen.
Mit dem Konzept „Zoom in & Zoom out“ wurde eine Grundlage geschaffen, die auf Verantwortung für Menschenrechte und planetare Grenzen rekurriert. „Zoom in“ steht für lokale, „Zoom out“ für globale Perspektiven.
Besonders wirksam war der inklusive Ansatz. In der Durchführungsgesellschaft arbeiteten Kolleg*innen mit und ohne Einschränkungen gemeinsam. Der erstmalige Einsatz eines Event-Inklusion-Managers – Ergebnis des „EVI-Projektes“ des DOSB – war ein voller Erfolg und hat die Inklusion von Mitarbeitenden und Zuschauenden mit Einschränkungen wesentlich verbessert.
Die Integration einer Para-Disziplin (3x3 Wheel Chair) zeigte, dass Para-Sportlerinnen und nicht eingeschränkte Sportlerinnen gemeinsam in derselben Venue antreten können. Das Team StuDi präsentierte sich inklusiv mit den Fahnenträger*innen Sören Seebold und Anya Kisskalt.
Der Inklusion Summit verabschiedete ein wegweisendes „Initiative Paper“. EU-Kommissar Glenn Micalleff zeigte sich begeistert und regte eine Untersuchung zur Förderung von Para-Sport treibenden Studierenden in Europa an.
Welche Hürden sind Ihnen bei der nachhaltigen Umsetzung begegnet und wie haben Sie diese überwunden?
Budget- und Ressourcenbeschränkungen: Nachhaltige Maßnahmen sind oft mit höheren Anfangsinvestitionen verbunden. Das Vergaberecht sollte geschärft werden, um Nachhaltigkeitskriterien priorisieren zu können. Wir setzten auf nachhaltige Kosten-Nutzen-Analysen, Fördermittel und Partnerschaften.
Bewusstsein und Bereitschaft im Team: Nicht alle waren mit dem Thema vertraut. Durch gezielte Schulungen, Workshops und Informationsveranstaltungen wurde das Bewusstsein gestärkt und ein gemeinsames Kommittent geschaffen.
Komplexität bei der Koordination: Die Zusammenarbeit mit vielen Partnern erforderte klare Kommunikationsstrukturen, Berichtswesen und transparente Verantwortlichkeiten. Strategie- und Förderrat, regelmäßige Meetings mit der FISU und Kommunen halfen bei der Koordination.
Technische und infrastrukturelle Herausforderungen: Nachhaltige Infrastrukturmaßnahmen erforderten Expertise. Durch Zusammenarbeit mit Expert*innen und Übernahme von Erfahrungen und Personal aus früheren Großveranstaltungen wurden Lösungen entwickelt.
Messung und Nachweisbarkeit: Anfangs war es schwierig, Kennzahlen zu definieren. Eine Forschungsgruppe der Universität Mainz begleitete die Veranstaltung. Der Bericht erscheint voraussichtlich im 1. Quartal 2026.
Diese Hürden wurden durch Kommunikation, Austausch, Weiterbildung, pragmatische Ziele und transparente Zusammenarbeit überwunden.
Welche Vision oder Idee wollen Sie zukünftig umsetzen, um Veranstaltungen noch nachhaltiger zu gestalten?
Sportveranstaltungen sollen zu Kommunikationsplattformen für Nachhaltigkeitsfragen werden. Konzepte müssen Nachhaltigkeit als Querschnittsthema beinhalten – von Planung bis Nachbereitung.
Zukünftige Leitprinzipien:
Ganzheitliche Nachhaltigkeitsbetrachtungen mit anschließendem Reporting als Standard.
Einsatz innovativer Technologien und Digitalisierung, z.B. Smart-Greening-Tools und virtuelle Teilnahmeangebote.
Aufbau lebendiger Nachhaltigkeitsgemeinschaften mit Bildungsprogrammen, Alumni-Netzwerken und Wettbewerben.
Vorbildfunktion durch Umweltzertifizierungen wie ISO 20121.
Regelmäßiges Lernen und Teilen bewährter Praktiken über die Plattform www.nachhaltige-sportveranstaltungen.de.
Ziel ist, dass Veranstaltungen als nachhaltige Leuchttürme im Sport gelten und ökologische, soziale und ökonomische Aspekte gleichwertig berücksichtigt werden.
Wie unterstützt Sie das Webportal insgesamt in Ihrer Arbeit an nachhaltigeren Sportveranstaltungen und welchen besonderen Mehrwert bietet es Ihnen dabei?
Das Webportal gab es noch nicht zu Beginn der Planungen der FISU World University Games. Es wird künftig beim Ausrichterleitfaden des adh berücksichtigt.
Ich glaube an den Mehrwert des Portals für Veranstalter*innen, die Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe integrieren wollen. Es entfaltet sein volles Potential, wenn es kontinuierlich gepflegt wird, Learnings strukturiert erfasst und Akteure vernetzt. So könnte ein echtes „SGV-Wiki“ entstehen, das Wissen bündelt, qualifiziert und den Austausch fördert, damit wir nicht jedes Mal das Rad neu erfinden.
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