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5 FRAGEN AN FRIEDA PROCHASKA

ZUR PERSON

Frieda Prochaska ist Geographin mit langjähriger Erfahrung an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit, Gesellschaft, Kooperation und Wirkung. Ihr Ziel ist es, verschiedenste Interessen zusammenzubringen, Menschen zur Mitgestaltung einer nachhaltigen Zukunft zu motivieren und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken – denn nur so lässt sich individueller und kollektiver Wandel vorantreiben.

Ihre Arbeit umfasst vielfältige Bereiche wie Forschung, Entwicklungszusammenarbeit, Stadt- und Regionalentwicklung sowie Bildungs- und Vereinsprojekte, die auch kulturelle Formate wie Zirkus und Theater einbeziehen. Diese interdisziplinäre Erfahrungen waren die besten Voraussetzungen, um für das Turnfest – bei dem Wettkampfsport nur einen Teil des Erlebnisses ausmacht – das komplette Nachhaltigkeitsprogramm zu konzipieren und umzusetzen.

Ihr persönlicher Sportbezug liegt weniger im Wettbewerb als in der Bewegung selbst – mit einer deutlichen Vorliebe für das Wasser. Noch wichtiger ist ihr jedoch die soziale und gemeinschaftsstiftende Kraft sportlicher Aktivitäten: Seit ihrer Kindheit ist sie bei jedem Wetter „draußen“ unterwegs – zu Fuß, auf dem Rad, im Kanu oder auf Ski. Dabei verbindet sie körperliche Herausforderung, soziale Verbundenheit und fachliche Neugier in einem. Ihr Fokus liegt stets auf Aktivitäten, die mit möglichst geringer Infrastruktur auskommen und die Landschaft schonen.

VERANSTALTUNG UND NACHHALTIGKEIT

Beim 44. Internationalen Deutschen Turnfest kamen vom 28. Mai bis 1. Juni 2025 rund 80.000 Aktive und Hunderttausende Besuchende in Leipzig zusammen. Als größte Wettkampf- und Breitensportveranstaltung der Welt ist das Turnfest ein einzigartiges Event – ein Festival für Bewegung und Begegnung.

Über fünf Tage hinweg wurden in über 40 verschiedenen Austragungsorten Wettkämpfe und Wettbewerbe in 23 Sportarten ausgetragen, inklusive sportlicher Höchstleitungen der Turn-EM. Es gab ein umfangreiches Rahmenprogramm, das von spektakulären Bühnenshows bis hin zu exklusiven Galas reichte. Zudem wurden über 330 Workshops in der Turnfest-Akademie angeboten. Das ganze Leipziger Messegelände und auch viele Orten in der Leipziger Stadt verwandelten sich in lebendige und aktive Sport- und Bewegungswelten, in denen für alle etwas dabei war um mitzumachen, sich auszuprobieren und in Bewegung zu kommen – von klassischen Disziplinen bis Trendsportarten – von kleinsten Kids bis hin zu den ältesten aktiven Teilnehmenden, die über 90 Jahre alt waren. Eine weitere Besonderheit des Turnfestes ist es, dass rund 2/3 der Teilnehmenden in Gemeinschaftsunterkünften (126 Schulen und Sporthallen) übernachteten. Auch das Turnfest war nur möglich durch die engagierte Unterstützung von mehr als 3200 Volunteers vor Ort und die vielen hunderten Ehrenamtlichen aus den Sportvereinen.

FRAGEN & ANTWORTEN

Welche ersten Schritte empfehlen Sie Veranstaltern, die gerade erst ins Thema Nachhaltigkeit einsteigen?

Der wichtigste erste Schritt ist, Nachhaltigkeit nicht als separates Zusatzthema zu begreifen, sondern von Anfang an als integralen Bestandteil der Veranstaltungsplanung. Ich empfehle eine frühe Bestandsaufnahme: Wo entstehen die größten Umwelt- und Sozialwirkungen – bei Mobilität, Verpflegung, Abfall oder Energie? Daraus lassen sich realistisch umsetzbare Prioritäten ableiten. Nicht jede Maßnahme ist für jede Veranstaltungsgröße geeignet. Hilfreich ist außerdem, Nachhaltigkeitsziele schriftlich zu fixieren und intern zu kommunizieren, damit alle Beteiligten – von der Technik bis zur Kommunikation – in die gleiche Richtung arbeiten.

Welche Maßnahmen haben sich beim 44. Internationalen Deutschen Turnfest 2025 in Leipzig als besonders wirksam erwiesen, um nachhaltiger zu werden – und warum?

Rückblickend waren es weniger die großen Einzelmaßnahmen, die den Unterschied gemacht haben, als vielmehr die Kombination aus Struktur, Haltung und konkreten Formaten

Eine entscheidende Grundvoraussetzung war – neben dem Committment der Geschäftsführung des Turnfestes – die personelle Verankerung in der Organisationsstruktur. Nachhaltigkeit braucht jemanden, der sie aktiv treibt. 

Aus den insgesamt 118 Maßnahmen haben mich folgende drei besonders überzeugt. Mit der Kampagne „Sport Fairändert" haben wir das Thema verantwortungsvolle Textilbeschaffung als gesellschaftliche Haltungsfrage eines Sportevents ins Zentrum gerückt – und damit gezeigt, dass Sport nicht nur Leistung misst, sondern auch Werte vermitteln kann. „Inklusiv gewinnt" hat erstmals inklusive Wettbewerbsformate etabliert, die Teilhabe nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil des Wettkampfgeschehens begriffen. 

Nachhaltigkeit war auch an vielen anderen Stellen in das reguläre Veranstaltungsgeschehen eingebettet: z.B. in der Akademie, im Kinderprogramm, auf den Bühnen und auf einer eigens gestalteten Event- und Mitmachfläche zum Thema Nachhaltigkeit.

Auch beim Ressourcenverbrauch hat das Turnfest 2025 spürbare Schritte gemacht. Über 90 % der Teilnehmenden nutzten während des Events den ÖPNV oder waren zu Fuß unterwegs. Bei der Verpflegung wurde das Angebot erstmals konsequent in Richtung pflanzlicher Kost verschoben – ein Novum war dabei das vegetarische Frühstück in den Gemeinschaftsunterkünften. Das Merchandise-Sortiment wurde kritisch überprüft, Druckprodukte massiv reduziert, Beschaffungsentscheidungen erstmals auch anhand von Nachhaltigkeitskriterien getroffen, und Materialien wo immer möglich nachgenutzt. 

Sehr hilfreich war die Kooperation mit Fachpartner:innen – etwa für Bildungsinhalte, Inklusion, Fahrradmobilität, Abfallmanagement, Material-Nachnutzung, Datenerhebung etc. Externe Partner:innen bringen Expertise, bewährte Strukturen und Ressourcen mi selbst das Rad neu erfinden zu müssen.

Nicht zuletzt hat uns eine gezielte Datenerfassung weitergebracht: Wenn wir nachhaltiger werden wollen, müssen wir wissen, wo wie stehen. Erst durch die systematische Erhebung und Auswertung – etwa zu Mobilität, Ressourcenverbrauch und Teilhabe – konnten wir beurteilen, was tatsächlich wirkt, was nicht funktioniert hat und wo zukünftige Turnfeste nachsteuern müssen.

Welche Hürden sind Ihnen bei der nachhaltigen Umsetzung begegnet und wie haben Sie diese überwunden?

Die größte Hürde war die schiere Komplexität: Ein Turnfest dieser Größenordnung hat dutzende Schnittstellen – Sportstätten, Übernachtungen, Gastronomie, Rahmen- und Bildungsprogramm, Ehrenamtliche, … . Nachhaltigkeit konsequent durch alle diese Bereiche zu denken, erfordert Abstimmungsaufwand, der zunächst unterschätzt wurde. Wir haben gelernt, dass Priorisierung, klare Verantwortlichkeiten wie auch Verankerung in Leitbilder und Verträgen wichtig sind.

Hinzu kamen mancherorts auch Widerstand und mangelnde Akzeptanz in Verbindung mit Zeitdruck und knappen Ressourcen: z.B. versperren Traditionen und Gewohnheiten den Blick für notwendige Veränderungen; Sponsoring ist noch auf klassische Werbung ausgerichtet; bei Ressourcenkonflikten wird der vermeintliche Gästekomfort über soziale und ökologische Aspekte gestellt.

Nachhaltigkeit in Sportgroßveranstaltungen gelingt nur, wenn alle Beteiligten – Verbände, Sponsor:innen, Fördermittelgeber:innen, Kommunen, Dienstleister:innen und Teilnehmer:innen – an einem Strang ziehen und Nachhaltigkeit als eine dauerhafte Aufgabe begreifen.

Das mag vielleicht abgedroschen klingen – doch die Praxis zeigt: Wer frühzeitig plant, Entscheidungsprozesse transparenter gestaltet, durch Kooperationen neue Expertise einbindet und Erfolge sichtbar macht, legt den Grundstein für langfristige Veränderungen.

Welche Vision oder Idee wollen Sie zukünftig umsetzen, um Veranstaltungen noch nachhaltiger zu gestalten?

Unser Turnfest-Team ist aufgelöst und ich bin nicht mehr für den Turnsport tätig. Jetzt liegt es am Deutschen Turner-Bund (DTB), dass die gesammelten Erfahrungen, Erfolge und Learnings nicht verloren gehen, sondern systematisch in die Planung zukünftiger Turnfeste und Events einfließen – als feste Werte, Haltungen und Handlungspraxis.

Damit Nachhaltigkeit nicht nur einmalig angegangen wird, sollten Ressourcen und Mittel verbindlich gesichert werden – etwa durch Förderanträge oder Budgetposten. Gleichzeitig braucht es eine klare und ehrliche Kommunikation: Neben Erfolgen müssen auch Herausforderungen und Kompromisse transparent benannt werden, um allen als Lernchance zu dienen.

Schließlich ist ein effektives Monitoring und Reporting essenziell – nicht als Selbstzweck, sondern als Grundlage für kontinuierliche Verbesserungen. Nur so kann der DTB nachhaltige Events langfristig und glaubwürdig gestalten.

Wie unterstützt Sie das Webportal insgesamt in Ihrer Arbeit an nachhaltigeren Sportveranstaltungen und welchen besonderen Mehrwert bietet es Ihnen dabei?

Das Portal bietet vor allem Orientierung in einem Themenfeld, das schnell überwältigend wirken kann. Die strukturierte Aufbereitung nach Handlungsfeldern hilft dabei, z.B. eigene Schwerpunkte zu setzen und Ziele zu definieren

Besonders wertvoll und spannend ist der Maßnahmenkatalog: Er zeigt praxisnah und themenspezifisch wo Veranstalter:innen ansetzen können, bietet verschiedenste Werkzeuge – für einen einfachen Einstieg bis hin zu komplexeren Maßnahmen – und zeigt auch, was andere Veranstaltungen bereits erprobt haben. Das inspiriert und motiviert.

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